2. Doppelstunde

Die Erkenntnisse aus der erlebnispädagogischen Unterrichtsstunde sollen in dieser theoretischen Stunde zusammengefasst und vertieft werden. Wichtig ist hierbei, dass die gemachten Erfahrungen aus der Aufgabe "Mattenturm" auf das Thema Inklusion übertragen werden.


Unsere Zugehörigkeit zu Gruppen ist vielseitig und kann sich ständig im Wechsel befinden. Diese Übung vermittelt das Gefühl, sich mal in der Mehrheit und mal in der Minderheit wiederzufinden. Gemeinsamkeiten und Unterschiede sollen wahrgenommen und geachtet werden.

Ablauf:
Im Raum hängen zwei Schilder, eines mit der Aufschrift "ich", das andere mit der Aufschrift "ich nicht". Wenn der Übungsleiter eine Frage gestellt hat, positionieren sich die Schüler*innen jeweils schweigend, halten kurz inne und schauen sich um: Mit wem bin ich zusammen? Gehöre ich zur Mehrheit oder zur Minderheit? Wie geht‘s mir in der jeweiligen Position? Kommentare sind nicht zugelassen. Jeder kann selbst entscheiden, ob er auf eine Frage antworten will oder nicht.

Beispielfragen:

  • Wer von euch ist ein Mädchen/eine Frau?
  • Wer von euch ist ein Junge/Mann?
  • Wer von euch ist Linkshänder?
  • Wer von euch ist heute mit dem Auto in die Schule gekommen?
  • Wer von euch ist als Kind bei Vater und Mutter aufgewachsen?
  • Wer von euch hat mehr als zwei Geschwister?
  • Wer von euch kann mehr als zwei Sprachen sprechen?
  • Wer spielt ein Instrument?
  • Wer von euch ist in der Schule schon mal sitzen geblieben?
  • Wer macht regelmäßig Sport?
  • Wer nimmt gerne am Sportunterricht teil?
  • Wer von euch ist in Deutschland geboren?
  • Wer lebt an dem Ort, wo er auch geboren wurde?

Fragen, die einen Bezug zur erlebnispädagogischen Aufgabe "Mattenturm" herstellen:

  • Wer von euch musste schon mal Hilfe annehmen?
  • Wer hat sich schon mal hilflos gefühlt?
  • Wer hatte schon mal das Gefühl, von anderen Menschen fremdbestimmt zu werden?
  • Wer hat schon mal in einem Rollstuhl gesessen oder hatte eine andere motorische Einschränkung wie z. B. Beinbruch?
  • Wer hat sich schon mal ausgegrenzt gefühlt?

Ziele

  • Wahrnehmen des eigenen Minderheits- bzw. Mehrheitsstatus
  • Gemeinsamkeit und Verschiedenheit zwischen Menschen erfahren
  • Wahrnehmen, dass jeder gleichzeitig verschiedenen Gruppen angehört

Didaktische Hinweise
Jeder darf frei entscheiden, ob er auf die jeweilige Frage antworten will. (Wer nicht wahrheitsgemäß antworten will, darf hier mal „schummeln“ bzw. sich in der Mitte des Raumes positionieren.)

Reflexion
Die Reflexion dieser Aufgabe kann mit der gesamten Lerngruppe ausgeführt werden. Es ist aber auch durchaus möglich, Kleingruppen zu bilden.

  • Bei welchen Fragen fühlte ich mich unwohl?
  • Welche Art von Fragen hat die stärksten Reaktionen hervorgerufen?
  • Welche Gefühle löste die Zugehörigkeit bei einer Minderheit aus, wenn die Frage eher persönlich war?

2. Kurzfilme der Aktion Mensch: "Neue Nähe" und/oder "Das erste Mal"

Beide Kurzfilme beschäftigen sich mit dem Thema Begegnung von Menschen mit Behinderung und ohne Behinderung – von Menschen, die eine sehr große Minderheit in unserer Gesellschaft darstellen. Sie regen zum Nachdenken an und beschäftigen sich mit den Barrieren, die viele Menschen im Kopf haben. Kontaktängste, die zu Beginn der Filme deutlich zu spüren und mitzufühlen sind, werden durch die offene Begegnung miteinander, durch die Kommunikation und das dadurch entstehende Kennenlernen ausgelöscht.

Im Folgenden werden die Filme nacheinander kurz beschrieben und die möglichen Reflexionsfragen vorgestellt, die mit den Schüler*innen besprochen werden können. Je nach Alter der Schüler*innen und deren Reflexionsfähigkeit sollte einer der Filme ausgewählt werden.

Ziele:

  • Auseinandersetzung mit dem Thema Berührungsängste und Barrieren
  • Erkennen, dass man nur durch Aktivität Menschen begegnen kann
  • Erkennen, dass Offenheit für die Vielfalt der Menschen um uns herum Vorurteile ausschließt
  • Reflexion des eigenen Handelns und eigenes Handeln anregen

Informationen zum Film: "Neue Nähe"

Inhalt:
Kinder unterschiedlichen Alters werden mit verschiedenen technischen Geräten konfrontiert. Sie stellen Vermutungen an über den Sinn und Zweck dieser technischen Geräte. Die Nutzer*innen dieser technischen Hilfsmittel kommen dazu und es entwickelt sich über diese Hilfsmittel eine Kommunikation und Begegnung, die Nähe zueinander ermöglicht.

Autor: Aktion Mensch
Bezugsquelle:
https://www.aktion-mensch.de/neuenaehe/
Dauer: 5:03 Minuten

Informationen zum Film: "Das erste Mal"

Inhalt:
In einem Casting zu einem Fernsehspot einer sozialen Organisation sollen Paare, die sich nicht kennen, verschiedene Situationen darstellen. Vor der Kamera treffen sich jeweils ein Mensch mit und ein Mensch ohne Behinderung. Ihnen wird aufgetragen, verschiedene Situationen zu entwickeln und zu spielen: ein Begrüßungsritual und eine Einkaufsberatungssituation. Zuerst sind die Menschen ohne Behinderung irritiert über ihr Gegenüber. Ihr Verhalten ist gehemmt und zurückhaltend. Mit der Bewältigung der Aufgaben verlieren sich wie von selbst die Berührungsängste.

Autor: Aktion Mensch
Bezugsquelle: https://www.aktion-mensch.de/begegnung/menschen-begegnen/casting-der-besonderen-art.html
Dauer: 2:48 Minuten

Zentrale Botschaft beider Filme:
Wir alle haben Berührungsängste und Vorurteile anderen Menschen gegenüber. Wir denken oft in Kategorien. Eine Begegnung mit Vielfalt macht unsicher und verursacht Angst. Wenn wir offen aufeinander zugehen, sind wir alle in der Lage, diese Barrieren zu überwinden. Dazu müssen wir aktiv werden. Jede Begegnung kann ein Anfang dazu sein!


3. Reflexion des Films/der Filme unter bestimmten Fragestellungen

Die Reflexionsfragen zum Film können ebenso in Kleingruppen oder mit allen Schüler*innen besprochen werden.

Fragen zu den Filmen:

  • Wodurch zeichnet sich das Verhalten der Menschen zu Beginn des Films/beider Filme aus?
  • Beschreibe das Verhalten!
  • Wodurch verändert sich das Verhalten der Menschen?
  • Was hilft ihnen, die Berührungsängste zu überwinden?
  • Wie gehen die Menschen auseinander?
  • Was würde euch helfen, Barrieren zwischen euch und Menschen, die Berührungsängste bei euch verursachen, abzubauen?

4. Mögliche Stundenabschlüsse

  • 1. Gespräch über Möglichkeiten, Barrieren abzubauen
    Eine Möglichkeit könnte dabei sein, gemeinsam Sport zu treiben. Hier bietet Rollstuhlbasketball ein bewegungsintensives und freudiges Begegnungsfeld, das ein Teilhaben aller ermöglicht.
  • Gespräch über das Thema Inklusion
    Hierzu bietet sich wiederum der Kurzfilm „Inklusion in 80 Sekunden erklärt“ der Aktion Mensch an.
    Unterrichtsmaterialien dazu findet man auf der Website der Lebenshilfe e. V. unter:
    https://www.lebenshilfe.de/schulinklusion/inklusion-im-unterricht/arbeitsblaetter.php
  • Vorbereitendes Gespräch über das bevorstehende Projekt "Rollstuhlbasketball – Inklusion an hessischen Schulen", das Berührungsängste abbaut oder Erwartungen klärt.