1. Doppelstunde in der Sporthalle: "Wir erobern gemeinsam den Mattenturm"

Erlebnispädagogik als eine Methode des Erfahrungslernens ermöglicht den Schüler*innen einen emotionalen Zugang zu ihren eigenen Empfindungen und zu dem Thema Vielfalt. Die Herausforderung für die Schüler*innen besteht in der gemeinsamen Lösung der kooperativen Aufgabe.

Ablauf:
Nach einem Aufwärmspiel setzen sich die Schüler*innen in den Sitzkreis. Sie bekommen vorerst die Information, dass sie gemeinsam eine schwierige Aufgabe lösen müssen. Bevor die Aufgabe den Schüler*innen erklärt wird, wird ihnen der Aufbau des Mattenturms (s. Aufbauplan) erläutert. Nach dem gemeinsamen Aufbau und der Absicherung des Mattenturms treffen sich alle wiederum im Sitzkreis. Ihnen werden die Aufgabe und die geltenden Regeln (s. Mattenturm-Regeln) erklärt: Alle Schüler*innen müssen auf diesen Turm steigen. Dabei dürfen sie keine Hilfsmittel (z. B. kleine Kästen, die Trageschlaufen der Weichböden) verwenden. Sie müssen sich gegenseitig helfen und unterstützen. Damit diese Aufgabe gelingen kann, bekommen sie eine Beratungszeit von ca. 3 - 5 Minuten, in der sie die Lösung dieser Aufgabe planen und diskutieren können. Zudem bekommen sie noch erschwerende Handicaps hinzu. Anhand von Vielfaltkarten (s. Mattenturm-Vielfaltkarten) ziehen (je nach Klassengröße und Ermessen der Lehrperson) 3 - 5 Schüler*innen ein Handicap (Sehbeeinträchtigung; Hörbeeinträchtigung; körperliche Beeinträchtigung). Diese sollten grundsätzlich gefragt werden, ob sie sich die Aufgabe mit Handicap zutrauen. Gegebenenfalls kann zu diesem Zeitpunkt unter den Schüler*innen die Sonderrolle des Beobachters vergeben werden. Hier eignen sich insbesondere Schüler*innen, die nicht am Sportunterricht teilnehmen können. Der Beobachter bekommt einen vorbereiteten Beobachtungsbogen (s. Anhang), der die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte innerhalb der Beratungszeit und der Durchführung der Aufgabe fokussiert.

Sind die verschiedenen Rollen (Handicaps/Beobachter) verteilt, gehen die Schüler*innen in die Beratungszeit und überlegen sich einen möglichen Lösungsweg. In der Beratungszeit sollte sich die Lehrperson zurückziehen und Beobachter von außen sein. Lediglich in Konfliktsituationen sollte vermittelnd eingegriffen werden. Bei der Durchführung der Aufgabe steht die Lehrperson begleitend und sichernd dabei. Die Aufgabe ist gelöst und bewältigt, wenn alle Schüler*innen auf dem Mattenturm waren und sicher wieder heruntergekommen sind.

Im direkten Anschluss daran werden die Schüler*innen zu einer Auswertungsrunde in den Sitzkreis gebeten; die Schüler*innen mit Handicap dürfen dieses "ablegen". Zuerst werden die Beobachter aufgefordert, ihre Eindrücke zu schildern, die sie unterstützt durch die Beobachtungsbögen notiert haben. Die Erfahrungen der Schüler*innen ergänzen den Eindruck der Beobachter. Gemeinsam wird nach Lösungen gesucht, wie alle Schüler*innen besser in die Lösung der Aufgabe (Planung und Durchführung) eingebunden werden können. Die Lösungen werden notiert (z. B. ein Schüler mit Handicap bekommt einen "Paten" an seiner Seite).

Sollte die Zeit noch reichen, kann ein weiterer Durchgang nach den Überlegungen der Schüler*innen durchgeführt werden. Die Schüler*innen entscheiden dabei selbstständig, ob die Handicap-Rollen neu verteilt werden. Auch jetzt sollte eine erneute Beratungszeit gegeben werden, da sowohl im Umgang mit den Schüler*innen mit Handicap als auch in der Durchführung Veränderungen möglich sein sollen.

Eine weitere Reflexionsphase könnte den zweiten Durchgang abschließen. Hierfür bietet sich das Punkteblitzlicht an. Alle Schüler*innen sitzen im Sitzkreis und schließen die Augen. Die Lehrperson stellt eine Frage (Beispiele s. u.) zum Ablauf der kooperativen Aufgabe. Die Schüler*innen bewerten diese mit ihren Fingern (von 10 Finger positiv absteigend bis 0 Finger negativ). Die Augen bleiben so lange geschlossen, bis die Lehrperson das Kommando zum Öffnen gibt. Hierbei werden die Hände mit der Fingerbewertung oben gelassen, so dass alle Schüler*innen die Bewertungen der anderen erkennen können. Schüler*innen mit besonders hoher Bewertung können nun kurz erläutern, warum sie diese gegeben haben – umgekehrt auch niedrige Bewertungen. Unterschiedliche Wahrnehmungen werden hier besonders deutlich gemacht.

mögliche Reflexionsfragen:

  • Wie sehr war ich in den Lösungsprozess von der Beratungszeit bis zur Besteigung des Mattenturmes beteiligt?
  • Wurde mein Lösungsvorschlag gehört?

Ziele

  • sich konstruktiv in Gruppenprozesse einbringen
  • mit Unterschieden umgehen
  • Toleranz gegenüber Menschen mit Handicap entwickeln,
  • Konfliktlösungsstrategien und faires Verhalten entwickeln
  • Vielfalt bewusst machen und erkennen

Didaktische Hinweise
Die Durchführung dieser kooperativen Aufgabe sollte in Klassen mit Konfliktpotenzial durch einfachere kooperative Aufgaben1 und ohne Vielfaltkarten vorbereitet werden. Dies bedarf in der Regel einer Unterrichtseinheit zum Thema Erlebnispädagogik (Bezug Bildungsstandards: Leitidee: soziale Interaktion; Inhaltsfeld: Spielen).

Sollte die Klasse Vorerfahrungen mit erlebnispädagogischen Problemlöseaufgaben haben bzw. ein sehr kooperatives Verhalten mitbringen/zeigen, ist es durchaus möglich, dass die Handicaps an die Schüler*innen vor Aufbau des Mattenturms und vor der Spielerklärung mit Hilfe der Vielfaltkarten vergeben werden. Die Schüler*innen würden sich dann direkt in die Rolle eines Menschen mit Beeinträchtigung begeben.

Die Lehrperson ist Anleiter*in, Begleiter*in und Beobachter*in und hält sich bei der Findung von Lösungen und aus den Gruppenprozessen heraus. Lediglich bei Konflikten, die die Klasse nicht mehr alleine lösen kann, muss die Lehrperson regulierend eingreifen.

Materialien:

  • Mattenturm (s. Aufbauplan):
    3 große Sprungkästen (maximale Höhe beachten)
    max. 5 Niedersprungmatten
    Fallschutzmatten (Sicherung um den Mattenberg)
  • Vielfaltkarten (Die Karten "ohne Beeinträchtigung" müssen so oft ausgedruckt werden, dass sie zusammen mit den Handicap-Karten der Klassengröße entsprechen.)
  • Blindtücher oder beklebte Schutzbrillen aus dem Baumarkt (s. Zeichnung)
  • Gehörschutz (Baumarkt)
  • Kreppband (motorisches Handicap: ein Arm wird mit Kreppklebeband an den Körper geklebt)
  • Beobachtungsbögen; Stifte; Papier zum Aufschreiben der Vereinbarungen

1 Literatur dazu beispielsweise: Gilsdorf/Kistner: Kooperative Abenteuerspiele. Band 1 und 2